Brandberg und Spitzkoppe

Wenn es zwei Orte gibt, die man erlebt haben sollte, dann sind es der Brandberg oder besser gesagt das Brandberg-Massiv und die Spitzkoppe.

Meine Güte, was hat die Natur sich nur gedacht, diese Berge in die Landschaft fallen zu lassen?

Von der Küste aus Henties Bay fährt man schnurgerade (das mit den Kurven ist nicht so das Ding in Namibia) etwa zwei Stunden über Salzpfannen und Geröllfelder ins Landesinnere, immer auf einen Berg zu. Auf den höchsten Berg Namibias zu, das Brandbergmassiv, dessen höchster Gipfel Königstein beeindruckende 2573 m hoch ist. Was für ein ordentlicher Brocken Stein.
Einer der Orte, an denen die Elemente und die Zeit genagt haben, bis von einem einstmals sehr viel höheren und vermutlich schrofferen Berg eine teils amorph und weich wirkende an anderer Stelle zerfurchte und faltige rote Steinmasse übrig geblieben ist. Abgeschliffene Flanken, wagemutig aufeinander balancierende Felsenkugeln, vom Wasser ausgewaschene Rinnen, wegerodierte Spalten, die zwischen sich wie Zinnen einer Burg zurückgelassen haben.

Um den Berg herum liegen in der verdörrten Ebene aus rotem Sand und goldenem Gras Haufen aus rundgeschliffenen Felsen und Steinen, die aussehen, wie mühsam aus der Ebene zusammengerecht und liebevoll aufeinandergestapelt. Aber auch wenn wir wissen, dass da keine Riesen mit einem Rechen am Werk waren, sondern ein Berg so aussieht, wenn man ihn nur lange genug der Erosion aussetzt, so ist es doch einfach faszinierend. Bei uns wäre ja alles überwachsen, mit Moos, mit Gras, mit Bäumen. Hier gibt es keine Vegetation, die die Geologie kaschieren oder retuschieren würde. Hier ist einfach alles pure, ungefilterte Geologie, in die sich an manchen Stellen unerschrockene Bäume klammern und es in all dieser Unwirtlichkeit sogar schaffen, grünes Laub hervorzubringen. Im perfekten Kontrast zu den rostroten Felsen.
Im Morgen- und im Abendlicht beginnen die Felsen zu glühen, sie leuchten rot, als wäre der Berg als Gluthaufen eines sehr, sehr großen Feuers übrig geblieben. Dieses Schauspiel hält nicht lange an, ist jedoch so beeindruckend, dass man es gar nicht lange betrachten muss, als dass es ins Gedächtnis eingebrannt ist.
Und als wäre das noch nicht genug des Guten, ist er Brandberg eine Leinwand für Tausende von Felsenmalereien der San.

Zur großen Erleichterung der Jungs sind die meisten nicht ganz einfach zugänglich und wir haben uns nur eine Stätte angesehen mit der berühmtesten Malerei, der Brandberg White Lady. Die interessanterweise weder eine Weiße noch eine Lady ist, so wie die entdeckenden Archäologen dachten, sondern ein schwarzer Schamane in Trance bei einem Ritualtanz. Aber Brandberg White Lady heißt die Abbildung weiterhin und sie ist wunderschön. Es sind die ersten mehrfarbigen Malereien, die wir gesehen haben und die detailreichsten. Oryxantilopen in braun und weiß, mit akribisch feinem Strich gestreifte Zebras und Menschenabbildungen, auf denen sogar Schweißtropfen zu erkennen sind. Diese mehrfarbigen und detailreichen Zeichnungen werden auf ein- bis zweitausend Jahre alt geschätzt und es ist sowas von faszinierend, dass man nach so langer Zeit noch jedes einzelne Haar der Mähne des Gnus erkennen kann.
Und dann hatten wir on top auch noch eine der schönsten Campingplätze auf der bisherigen Reise. Falls jemand mal in der Nähe ist, die White Lady Lodge und ihren Eiskaffee können wir wärmstens empfehlen. Raphael schwärmt noch immer von der warmen(!!!) Freiluftdusche (es war ein überraschender 22 Grad Abend) und dem zahmen Erdmännchen.

Auf dem Weg vom Brandberg zur Spitzkoppe gab es einen kleinen Pitstop in Uis. Das ist aus zweierlei Gründen erwähnenswert.

Erstens ist Uis ein wirklich netter Ort. Orte irgendwo in der Wüste Namibias sind normalerweise nicht nett, sondern einfach nur staubig. In Uis gab es angelegte Gärten und ein Café mit dem schönsten Sukkulenten-Garten, den ich je gesehen habe. Ich bin ganz beruhigt, dass es auch in Namibia doch einen Ort mit Gärten gibt.
Zweitens hatten wir die erste Reifenpanne, was auf der Straße vom Brandberg nach Uis auch gar nicht so sehr überrascht und auch gar nicht so bemerkenswert ist. Das wirklich Bemerkenswerte ist, dass die Panne etwa eine Minute vor Erreichen der angepeilten Tankstelle passierte, an die ein Werkstatt mit Reifenhandel angegliedert ist. Der Reifen war also schnell gewechselt. Wir haben ein paar Bitten ans Universum gesendet, dass es uns gnädig sein möge, denn wir müssen nun bis Swakopmund ohne Ersatzreifen durchkommen. Die richtige Reifengröße war in Uis nicht vorrätig. 240 km sind es noch. Davon sogar ein Teil auf Asphalt. Wir wissen schon kaum noch, wie sich Fahren auf Asphalt anfühlt...

Ich weiß gar nicht, wer sich mehr auf drei Nächte in Swakopmund freut: das Auto oder Raphael. Das Auto bekommt ein neues Shock Bearing, einen neuen Ersatzreifen, eine Wäsche (frische Klamotten anziehen lohnt kaum noch. Einmal den Kofferraum zugeknallt und man ist wieder rundum eingestaubt) und vermutlich etwas neues Öl. Raphael träumt von drei Nächten in einem Bett, von den Wellen und dem Surfverleih.
Philipp freut sich auf den Flug von dort nach Johannesburg zu den südafrikanischen Schulmeisterschaften und fünf Tage seiner in den letzten beiden Wochen etwas zu präsenten Familie und der Campinghölle zu entfliehen.

Jetzt gerade sind wir aber noch an der Spitzkoppe. Ich glaube, wenn man noch nie hier war und das Wort Spitzkoppe hört, dann kommt so etwa das richtige Bild in den Kopf.

Die Spitzkoppe ist eine spitze kleine Kuppe. So klein zwar eigentlich nicht, auch sie misst stattliche 1728 m hoch und überragt die sie umgebende Landschaft um etwa 700m.
Wie der Brandberg ist sie in eine ebene Landschaft eingebettet, ihre Flanken zieren rundgeschliffene Felsenkugeln, Granitplatten, Granitkuppeln und ein bisschen sieht sie so aus wie eine mühsam und aufwendig gestaltete Sandburg, die von der ersten Welle der auflaufenden Flut überschwappt wurde. Von ihrem Fuß aus hat man diese Blicke in die Weite, in der zur einen Seite ein scharfer kleiner Höhenzug durch die Landschaft läuft, der aussieht wie der Rücken eines gigantischen, im Staub schlafenden Drachen.
Jetzt in den Nächten kurz vor dem Vollmond ist auch nachts jedes Detail des Berges erkennbar. Der schwarzblaue Himmel, die hell über dem Berg stehende Venus und der tiefviolettgraue Berg sind ein eindrückliches Erlebnis. Wie wundervoll, dass wir bei so vollem Mond hier sein dürfen.
Da wir zwei Nächte hier sind und die Männer sich ganz in der Früh aufgemacht haben zur Besteigung des Berges, hatte ich einen langsameren Morgen und ich weiß nicht, ob es einen besseren Blick gibt aus dem morgendlichen Zelt als den auf die rot glühende Spitzkoppe im Licht des Sonnenaufgangs.

Hier kann man sitzen und schauen und die Felsformationen, die sich mit dem Lauf der Sonne von leuchtend rot zu blassbraun mit der Landschaft verschmelzend und wieder zurück zu leuchtend rot verwandeln, die Vögel, die einen in Scharen umflattern und der blaue Himmel als Hintergrund des Spektakels lassen einen wunschlos glücklich sein. Es ist ein Ort zum Verweilen. Und genau das werde ich jetzt tun, bis die Männer von ihrer Bergbesteigung zurückkehren.

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